Prädikat besonders wertvoll: „Zwei Herren im Anzug“

„Zwei Herren im Anzug“ nach dem Roman „Mittelreich“ von Josef Bierbichler

FBW: Prädikat besonders wertvollDie Deutsche Film- und Medienbewertung hat das Prädikat besonders wertvoll verliehen!
 

Josef Bierbichler verfilmt auf kongeniale Weise seinen eigenen biographisch gefärbten Roman „Mittelreich“ und erzählt neben der sehr persönlichen und berührenden Geschichte einer Familie gleichsam auch generationsübergreifend von rund hundert Jahren deutscher Geschichte. Eine bildstarke Umsetzung einer wortstarken Vorlage.
 
 
 

Jury-Begründung

Die Kamera fährt über den großen bayerischen See auf einen Bootssteg zu, an dessen Ende das schmucke Gasthaus der Familie des Seewirts steht. An einem Spätsommertag im Jahr 1984 wurde die alte Seewirtin beerdigt, die Trauergäste sind gegangen und in der Gaststube sitzen nur noch der alte Seewirt Pankraz und sein Sohn Semi. Pankraz erinnert sich an den Sommer 1914, daran, wie er als kleiner Junge von seinem großen Bruder Toni aus dem See gezogen wird, an die euphorische Stimmung unter den Leuten bei der Mobilmachung. Toni kehrt als psychisches Wrack aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Der Vater wird später bestimmen, dass Pankraz, der eine Karriere als Sänger hätte machen können, die Gastwirtschaft und den Bauernhof übernehmen muss.

In großartigen Kinobildern, die bis ins kleinste Detail präzise ausgestattet sind, erzählt Regisseur Josef Bierbichler in 138 Minuten eine Saga aus dem 20. Jahrhundert. Nach Motiven seines Romans „Mittelreich“, angelehnt an die Geschichte seiner Familie, hat er das Drehbuch geschrieben und die Rolle des Pankraz übernommen. Für Pankraz’ Kindheit und Jugend, die Jahre zwischen den Kriegen und seine Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg sind die Bilder schwarz-weiß, ab Anfang der 50er Jahre, wenn Semis Erinnerungen einsetzen, werden die Bilder farbig. In der ersten Hälfte des Films, in der viele Laiendarsteller auftreten, ist die Bodenständigkeit der Dörfler spürbar. Mit den Flüchtlingen aus dem Osten, dem Wirtschaftswunder und dem Fernsehen beginnt sich die Bäuerlichkeit langsam aufzulösen („alle haben den Krieg überlebt, aber keiner war mehr dahoam“). Die fulminante Sequenz eines Faschingsballs ist ein Höhepunkt des Films. Während das Fest völlig aus dem Ruder läuft, tobt draußen ein gigantischer Sturm („reinstes Wagnerwetter“), ein riesiger Baum droht auf das Gasthaus zu stürzen. Pankraz läuft davon, hinaus auf den halb zugefrorenen See. Am nächsten Morgen sieht der kleine Semi, wie der lebensmüde Vater auf einer Eisscholle treibt und um Hilfe schreit.

Bierbichler ist mit „Zwei Herren im Anzug“ ein großes bayerisches Epos gelungen, das an die Tradition des Kinos von Fassbinder und Achternbusch anknüpft. Die Seewirtsfamilie ist wunderbar besetzt: Josef Bierbichler als Pankraz, Martina Gedeck als seine Frau Theres, Simon Donatz als Sohn Semi sowie Irm Hermann und Sarah Camp als seine Schwestern Philomena und Hertha. Alle Gewerke sind auf hohem Niveau. Besonderes Lob verdienen nach Auffassung der Jury die Bildgestaltung von Tom Fährmann, das Szenenbild von Josef Sanktjohanser und die Originalmusik von Tim Kreuser. Als roter Faden erscheinen die „Zwei Herren im Anzug“ immer wieder im Film, bis sie am Ende Pankraz zu seiner grauenvollsten Erinnerung führen, die er komplett verdrängt hatte. Die Jury war begeistert, wie es Bierbichler gelungen ist, durch einen kleinen Kosmos die große Welt zu erzählen und vergibt einstimmig das Prädikat besonders wertvoll.

Quelle: http://www.fbw-filmbewertung.com/film/zwei_herren_im_anzug

 

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