„#Female Pleasure“: Interview mit Autorin und Regisseurin Barbara Miller

© Locarno Festival / Massimo Pedrazzini

„#Female Pleasure“ begleitet fünf mutige, starke, kluge Frauen aus den fünf Weltreligionen und zeigt ihren erfolgreichen, risikoreichen Kampf für eine selbstbestimmte weibliche Sexualität und für ein gleichberechtigtes, respektvolles Miteinander unter den Geschlechtern.

Bewegend, intim und zu jedem Zeitpunkt positiv vorwärtsgewandt schildert #FEMALE PLEASURE die Lebenswelten von Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav und ihrem Engagement für Aufklärung und Befreiung in einer hypersexualisierten, säkularen Welt.

Der Film von Barbara Miller („#Forbidden Voices“) ist ein Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung und gegen die Dämonisierung der weiblichen Lust durch Religion und gesellschaftliche Restriktionen.
 

In Ihrem Film portraitieren Sie fünf Frauen, die unterschiedliche, negative Erfahrungen mit Sexualität und deren Umgang durch ihr soziales Umfeld machen mussten. Was hat Sie inspiriert?

Am Anfang stand für mich die Frage: Wie geht es Frauen auf der ganzen Welt in Bezug auf ihre Sexualität und was sagt das über ihre Stellung in der Gesellschaft aus. Welches System, welche Strukturen stecken dahinter, dass Frauen auf der ganzen Welt, ihre Sexualität nicht frei leben können oder wenn sie es tun, verfolgt, geächtet oder diffamiert werden.

Beim Recherchieren bin ich als erstes auf Vithika Yadav aus Indien und auf Deborah Feldman von einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Brooklyn gestoßen. So ist die Idee entstanden, das Thema Sexualität und Frauen in Bezug auf die fünf Weltreligionen und -kulturen zu untersuchen.
 
 

#Female PleasureDie fünf Frauen haben also alle einen religiösen Hintergrund?

Mal mehr, mal weniger – Leyla Hussein aus Somalia, eine Aktivistin zum Thema FGM (Female Genital Mutilation), die Muslima ist, hat mich vor allem als Frau fasziniert, die offen über weibliche Sexualität spricht. Auch bei der japanischen Künstlerin Rokudenashiko existiert ein religiöser, nämlich buddhistischer, Hintergrund. Aber die Geringschätzung des weiblichen Körpers sowie dessen Thematisierung ist längst in der japanischen Gesellschaft, und auch Kunst, angekommen: Das japanische Gericht hat ja in ihrem Fall entschieden, dass Vaginas in künstlerischer Form etwas Obszönes sind, und nicht gezeigt werden dürfen.

Aber eigentlich geht es nicht um die Religionen an und für sich, schon gar nicht um Glaube, sondern um die jahrtausendealte und leider immer noch brandaktuelle strukturelle Dämonisierung des weiblichen Körpers, über alle religiösen und kulturellen Schranken hinweg. Und die weltweiten Parallelen dabei sind erschreckend.
 

Die fünfte Protagonistin Doris Wagner lebte lange in der ultrareligiösen Gemeinschaft „Das Werk“, und wurde dort von einem Priester missbraucht. Inwiefern kann man denn die extremen Erfahrungen, die die Frauen gemacht haben, auf den Rest der Gesellschaft ausweiten?

Viele der Gedanken sind in unserem heutigen Leben immer noch tief verankert, nur sind wir uns dessen oft nicht bewusst. In nahezu allen Bevölkerungsschichten, Kulturen und Religionen gibt es heute nach wie vor noch Formen des Machtmissbrauchs durch Männer bzw. in denen Männer hierarchischen Strukturen nutzen, um Frauen auszunutzen, zu dominieren, zu unterdrücken. Eben wie Leyla Hussein es treffend im Film sagt: „Sie praktizieren das Patriarchat, die weltweite Religion.“ Aber auch konkret weibliche Dinge gegen Frauen auszuspielen: Zum Beispiel der von der weiblichen „Unreinheit“: Die indische Protagonistin Vithika, die die Aufklärungsseite „Love Matters“ betreibt, erzählte, dass sogar ihre weltoffene Mutter während der Menstruation nicht in den Tempel geht. In Nepal schlafen menstruierende Frauen nach wie vor in kleinen Hütten außerhalb des Hauses. Die Vorstellung, dass Frauen keine selbstbestimmten sexuellen Wesen sein dürfen – das hat sich zwar ein bisschen geändert, aber es steckt noch immer tief in unseren Gesellschaften drin.
 

Wo denn zum Beispiel?

In der gängigen Internet-Pornokultur, die für Jugendliche ab elf Jahren relevant ist – da ist die Frau größtenteils ebenfalls ein willenloses Wesen, deren Zweck die Befriedigung des Mannes ist. Ihre eigene Sexualität, also zum Beispiel die Klitoris, ohne deren Stimulation 70% der Frauen keinen Orgasmus haben können, ist in den meistverbreiteten Pornos schlicht inexistent.
 

Haben Sie durch Ihre Recherche auch herausbekommen können, wie Männer das begründen – wollen die denn gar keine Frau, die selbstbestimmt und gern Sex hat?

Meine Hypothese ist, wie Leyla es auch im Film erklärt, dass das etwas mit Angst zu tun haben muss. Viele Männer scheinen so viel Angst vor der weiblichen selbstbestimmten Sexualität zu haben, dass sie sie dämonisieren. Es scheint, dass nur Männer mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer partnerschaftlichen Vorstellung von Beziehung, Frauen als ein gleichwertiges sexuelles Gegenüber akzeptieren können.
 

Und woher kommt die Angst?

Die kommt vielleicht von der althergebrachten Unterscheidung des Menschen in Körper und Geist: Der Mann ist Geist und damit rein, die Frau ist Körper und damit unrein – sie lenkt den Mann von seiner geistigen Entwicklung ab. Diese Vorstellung wurde lange in Männer und Frauen eingepflanzt. Dabei ist doch das Schönste, wenn man eine gleichberechtigte lustvolle Sexualität zusammen erlebt. Lust hat aber generell in unserer Gesellschaft keinen richtigen Platz – auch Männer sind ja, vor allem wenn sie in einer religiös geprägten Gesellschaft und Kultur leben, dazu angehalten, sie zu überwinden, lustfrei zu leben, um sich dem Geist zuzuwenden.
 

Auf der anderen Seite definieren sich Männer in vielen Gesellschaften auch dadurch, dass sie immer Sex wollen, dass ihr Trieb permanent stark ist…

Genau, aber sie werden durch diese Sicht auf Sexualität und das Geschlechterverhältnis ebenfalls entwertet, zu willenlosen Wesen gemacht: Viele Muslime selbst sind überzeugt, ein muslimischer Mann könne nicht mit einer Frau im gleichen Zimmer sein, weil er angeblich seine Triebe nicht steuern kann. Das wertet auch den männlichen Willen ab!
 
 


 

Wie haben Sie denn das Vertrauen der Protagonistinnen gewinnen können?

Deborah Feldman habe ich 2014 über ihren Verlag kontaktiert, sie hatte ja ein Buch über ihre Erfahrungen in der chassidischen Gemeinde geschrieben. Wir haben uns dann in New York getroffen und auf Anhieb verstanden. Vithika Yadav habe ich über Radio Netherland kennengelernt und sie in Delhi getroffen. Für sie war es gar keine Frage, ob sie mitmachen will – das Thema Sexualität ist ihr täglich Brot! Bei Rokudenashiko stand ihr Prozess kurz bevor, und sie zögerte zuerst, weil sie sich für „zu wenig feministisch“ hielt – in Japan gelten anscheinend nur Frauen als Feministinnen, die Feminismus studiert haben… Wir durften dann aber ihren Prozess begleiten, und die Dreharbeiten haben bei ihr viel ausgelöst – sie hat sich stärker als Kämpferin für Frauenrechte akzeptiert gefühlt. Die ehemalige Ordensfrau Doris Wagner habe ich über ihr Buch „Nicht mehr ich“ über den Ausstieg aus der Ordensgemeinschaft „Das Werk“ kennengelernt, von Anfang an herrschte großes Vertrauen zwischen uns. Sie ist eine sehr differenzierte und reflektierte Persönlichkeit. Und meine Kontaktversuche zu Leyla waren zwar zuerst bei ihr wegen dem Wort „sexuality“ im Spam gelandet – aber dann haben wir schnell angefangen zu drehen, denn sie war begeistert an einem Projekt mitzuarbeiten, wo es endlich ganz zentral um das Frausein und die weibliche Sexualität geht.
 

Wenn man den Film mit nicht-religiösen Frauen drehen würde – was würde dann herauskommen?

Ich habe schon zwei Filme zum Thema weibliche Sexualität gemacht, einen über die Klitoris, und einen über Internetpornografie. Und ich glaube leider, dass die Unterschiede nicht sehr groß sind darin, wie Frauen Sexualität erleben, mit welchen Vorstellungen und Zwängen sie zu kämpfen haben, welchem Druck sie sich selbst aussetzen.
 

Gehen jüngere Generationen nicht freier damit um?

Der Diskurs heute ist zwar anders, aber jetzt geht es eben darum, ob man „Nein“ zu Analsex sagen darf, ob die Brüste groß genug sind – der Druck durch die Porno-Vorbilder ist sehr stark, vor allem bei den ganz jungen Frauen unter 20. Eine offene Diskussion über weibliche Sexualität, über das was Frauen sich wirklich wünschen, findet leider immer noch viel zu wenig statt. Dass auch Mädchen und Frauen in der Erziehung dazu angehalten werden, ihren eigenen Körper zu erforschen. Dass Frauen den Mut haben, mit ihren Partnern darüber zu sprechen, was sie mögen und was nicht. Bei uns sind seit den 60er-Jahren sicher große Fortschritte, aber immer auch wieder Rückschritte, passiert. Aber in den meisten Teilen der Welt ist eine Diskussion über Sexualität, und dann erst noch über weibliche Sexualität, bis heute schlicht unmöglich.
 

Das bedeutet, egal ob bei orthodoxen Glaubensgruppen oder atheistischen Freigeistern – weibliche Sexualität ist global ein Problem?

Solange Frauen als Objekte angeschaut werden und nicht als selbstbestimmte Individuen ist das ein Problem. Frauen müssen artikulieren, dass sie ein Recht auf eine selbstbestimmte, erfüllte Sexualität haben. Und leider kann dies die große Mehrheit der Frauen weltweit auch heute noch nicht. Aber ich glaube schon, dass es immer mehr Frauen gibt, die ihre Sexualität lustvoll leben können. Also ja – es gibt ein Problem, aber wir können das ändern. Das wird ein großer Gewinn sein, für Frauen wie für Männer. Und das muss schneller passieren.
 

 

Ab 8. November im Kino

„#Female Pleasure“ ist ein Film, der schildert, wie universell und alle kulturellen und religiösen Grenzen überschreitend die Mechanismen sind, die die Situation der Frau – egal in welcher Gesellschaftsform – bis heute bestimmen. Gleichzeitig zeigen uns die fünf Protagonistinnen, wie man mit Mut, Kraft und Lebensfreude jede Struktur verändern kann.
 

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