Ein Gespräch mit Josef Bierbichler

Ein Jahrhundert – Eine Familie – Drei Generationen. Ein Stück bayerische Geschichte. Ab 22. März im Kino: „Zwei Herren im Anzug“

Josef Bierbichler ist ein großer, das deutsche Theater prägender Schauspieler, allein dreimal von den Kritikern zum Schauspieler des Jahres gewählt. Er war u.a. „Mein Herbert“ in dem Stück seines Freundes Herbert Achternbusch, er war Heiner Müllers „Philoktet“ oder Lopachin in Peter Zadeks „Kirschgarten“. Im Kino war Bierbichler u.a. in Tom Tykwers „Die tödliche Maria“ und „Winterschläfer“, in „Winterreise“ von Hans Steinbichler, (Deutscher Filmpreis als Bester Schauspieler), in „Im Winter ein Jahr“ von Caroline Link und Michael Hanekes „Das weiße Band“ zu sehen.

 

Wie bist du dazu gekommen, einen Familienroman über mehrere Generationen zu schreiben?

Das ist doch das Naheliegende überhaupt: Jeder setzt sich zuerst einmal mit dem auseinander, was ihn unmittelbar betrifft. Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich mich als Schauspieler beim Theaterspielen und Filme drehen unterfordert gefühlt hab. Und weil ich nicht jeden Tag in den Wald gehe und Bäume fälle, habe ich zwischendurch ein Buch geschrieben.

 

War das für dich schwierig, beim Film Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion zu sein?

Nein, sonst hätte ich es nicht gemacht. Ich spiele jetzt seit 40 Jahren, da wird sich hoffentlich ein Mindestmaß an Bewusstsein vom eigenen Spiel entwickelt haben. Ich bereite mich nie groß auf eine Rolle vor. Ich muss mich auf den Moment verlassen. Und wenn ich schon den Roman einigermaßen hingekriegt habe, werde ich daraus doch wohl auch ein Drehbuch machen können.

 

Hast du beim Schreiben des Romans schon gemerkt, dass das ein Film werden könnte?

Nein, das hat mich eigentlich nicht interessiert. Aber als dann der Roman rauskam, haben sich mehrere Filmleute dafür interessiert. Stefan Arndt war einer der ersten. Ich kannte ihn ein bisschen von einem Film, den ich vor vielen Jahren mit Tom Tykwer gemacht habe, „Die Tödliche Maria“, und dann später von Michael Hanekes „Das weiße Band“ her. Ich hab ihm gesagt, wenn ein Film daraus gemacht werden soll, will ich es selber machen. Da hat er sich dann drauf eingelassen.

 

Der Film sollte anfangs wie der Roman „Mittelreich“ heißen. Warum jetzt der neue Titel?

Ich wollte von Anfang an, dass das für die Filmarbeit nur ein Arbeitstitel ist, weil der Roman im Film nicht in voller Länge erzählt wird. Der Roman ist eine epische Erzählung von Außen gesehen. Der Film wird von zwei Protagonisten erzählt. Jeder schildert seine Sicht auf sein eigenes Leben. Es ist eine Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn über einen bestimmten Teil der jeweils selbst- und teilweise gemeinsam erlebten Geschichte. Und deswegen zeigt der Film nur die Teile des Romans, in denen diese beiden Figuren vorkommen. Sonst hätte der Film vier Stunden gedauert. Womit ich kein Problem gehabt hätte, aber verständlicherweise der Produzent. Das Gespräch findet an einem Nachmittag statt, die Rückblenden sind die Erinnerungen. Der neue Titel lautet jetzt „Zwei Herren im Anzug“, weil es zwei Männer gibt, die immer wieder auftauchen. Sie tauchen in der Erinnerung des Vaters immer wieder auf, über 70 Jahre hinweg. Bestimmt sind es jeweils andere Menschen, aber er sieht an unterschiedlichen Menschen immer wieder diese beiden Gesichter. Diese beiden Herren im Anzug werden den Deutschen noch über Generationen begegnen – vermute ich jetzt mal – und deswegen ist das wohl auch der richtige Titel.

 

Im Film geht es auch um die Aufarbeitung der Nazivergangenheit im Dorf. Deine Figur sagt an einer Stelle: „Ich war zwar nie ein Nazi. Doch kein Nazi war ich nie.“

Den Spruch hab ich mal von meinem Vater gehört. Er war zwar ironisch konnotiert, aber wahrscheinlich war er auch so gemeint: Dass man sowohl zugibt, man war dabei, man hat ja gelebt in der Zeit und sich nicht wehren können, aber mitgemacht hat man selbstverständlich nicht.

 

Der Film handelt auch von Heimat…

Der Heimatblick geht in Oberbayern nur bis zu den Alpen. Das ist die Grenze. Alles andere ist „hinter die Berg“. Für mich ist Heimat eher was, wo ich mit Leuten bin, mit denen ich mich einigermaßen aufgehoben fühle. Aber man wächst eben irgendwo auf und muss dann erst mal rausfinden, was das mit einem selbst zu tun hat und macht. Und gerade deswegen wollte ich den Film lieber selber machen.

 

Du bist selbst Erbe einer Gastwirtschaft am Starnberger See. Stehst du damit auf Kriegsfuß?

Nein, ich bin doch nicht blöd. Das war immer mein Rückhalt. Ich habe viele Sachen nicht machen müssen, nur um Geld zu verdienen. Ich hab gewusst, wenn das nicht hinhaut mit dem Theater, kann ich wieder Landwirtschaft machen und die Kneipe. Das hat mich unabhängig gemacht. Dadurch hab ich mir ohne materiellen Druck aussuchen können, was ich machen will und was nicht. Das war ein Privileg. Ich war nicht gezwungen, auf dem Rummelplatz der medialen Unterhaltung die geistigen Peepshows zu bedienen. Das Glück haben viele andere nicht.

 

Wie siehst du dich in der Reihe von Filmemachern, die sich mit Bayern auseinandergesetzt haben, von Herbert Achternbusch über Franz Xaver Kroetz bis Helmut Dietl?

Ich probiere immer etwas herauszufinden, wenn ich was mache. Sonst interessiert es mich nicht. Ich will nicht unterhalten werden und deswegen will ich auch niemanden unterhalten. Wenn ich was lerne von jemand anderem, kann das auch Unterhaltung sein. Aber mich lahmlegen lassen und das Hirn abstellen, das will ich nicht, und das will ich auch niemandem anderen antun. Unterhaltung in einer Zeit, in der der Klimawandel das Ende der menschlichen Existenz bedeuten kann, ist Prüderie. Man kleistert dem Publikum mit Unterhaltungszeug Augen und Hirne zu, damit es nicht sieht, was es ununterbrochen anschauen müsste. Und das Publikum ist meist auch noch froh drum. Prüde ist, wer die Wahrheit nicht will. Mediale Unterhaltung ist organisiertes Verdrängen der Wirklichkeit. Auch davon handelt mein Film.

 

Wie kam es, dass dein Sohn auch zwei Rollen im Film spielt?

Ich habe irgendwann erkannt, dass er mir ähnlich schaut. Früher hab ich immer gedacht, dass er dir ähnlich schaut, aber jetzt schaut er doch mir ähnlich.
Ich wollte die Kontinuität von Geschichte zeigen. Es ändert sich nämlich nicht so viel, wie immer gesagt wird. Um uns herum verändert sich im technischen Bereich zwar alles mit sich progressiv entwickelnder Geschwindigkeit. Das kommt vom segensreichen Wirken des Kapitals. Aber die Menschen haben sich nicht so entwickelt. Das behaupte ich. Ich hab gedacht, diese im Vergleich zur Technik natürlichere, weil allmähliche Entwicklung der Menschen könnte ich zeigen, wenn mein Sohn, der mir ähnlich sieht, im Film den Sohn von dem spielt, den ich spiele. Wie im richtigen Leben. Aber ich habe natürlich nicht gewusst, ob er überhaupt spielen kann. Also haben wir erst ein wenig herum probiert. Und es hat sich gezeigt, dass er richtig reagiert, er hat den richtigen Instinkt. Also hat er es gemacht. Das war kein vetternwirtschaftliches Arrangement. Es ging nicht darum, Familie unterzubringen. Es ist auch nicht die eigene Familiengeschichte, die ich erzähle. Das interessiert mich nicht. Ich werde auch bestimmt nie eine Autobiografie schreiben. Aber das Material, bei dem ich mich bedienen hab können, kommt natürlich aus dem Raum, den ich kenne, in dem ich aufgewachsen bin. Aber die Figuren sind zusammengebaut aus verschiedensten Personen und Ereignissen. Ich wollte über Deutschland erzählen, aus der Perspektive einer bäuerlichen Umgebung. Es ist meine Umgebung. Selbstverständlich. Sonst könnte ich es nicht genau erzählen.

 

Deine Frau im Film wird gespielt von der Martina Gedeck…

Ich war auf der Suche nach der weiblichen Hauptfigur und wollte zuerst eigentlich eine Laiendarstellerin aus dem bäuerlichen Milieu haben. An Martina habe ich gar nicht gedacht, auch wenn wir uns schon lang kennen. Aber wir haben lange keinen Kontakt mehr gehabt. Dann hab ich einen Film mit ihr gesehen, irgendwas im Gebirge (Anmerkung: „Die Wand“) und da habe ich gemerkt, dass sie genau das Gesicht hat, das ich mir vorgestellt habe. Sie hat ihre natürliche Präsenz und macht dazu kleine, ganz genaue Gesten, nichts Ausgestelltes. Und sie spricht den richtigen Dialekt, der nicht gespreizt klingt, wie das bürgerlich Münchnerische, oder halbgar, wie im Fernsehen das Eingedeutschte, sondern so, wie wir jetzt auch reden. Und so war Martina die richtige Lösung.

 

Und wie kamst du darauf, dass ich den Pfarrer spiele?

Das war ein absolut sozialer Gedanke. Du hast Geld gebraucht und ich hab mich gefragt: Was kann er machen, ohne dass er was kaputt macht? Dann bin ich auf den Pfarrer gekommen. Dass du dann aber richtig gut warst, habe ich vorher nicht wissen können.

 

Ich hab nur auf den Regisseur gehört, was der sagt.

Ja, der Regisseur war auch nicht schlecht.

 

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Kameramann Tom Fährmann?

Den habe ich zufällig kennengelernt über einen Freund, der Bildender Künstler ist und einen kleinen Film gemacht hat, bei dem ich Text aufgesagt habe und Tom die Kamera gehalten hat. Wir haben uns schnell gut verstanden und vor allem miteinander reden können. Und das war mir wichtig, weil mir ja bestimmte Erfahrungen als Regisseur noch abgehen. Der Tom war dann sehr wichtig.

 

Wie habt ihr das visuelle Konzept entwickelt?

Tom hat Vorschläge gemacht, ich hab sie abgenickt, er hat alles mit dem Bleistift aufgezeichnet – und dann war das Konzept auf einmal ein sogenanntes Storri Bord.

 

Lass uns noch über die Musik im Film reden.

Es gibt keine Filmmusik, sondern nur Musik, wenn eine Quelle sichtbar ist, also ein Radio, ein Kinderchor, oder Kofelgschroa (Anmerkung: Blasmusik-Gruppe aus Oberammergau, die der Neuen Volksmusik zugerechnet werden). Und es gibt Musik, die im Kopf des Protagonisten spielt, eine fantasierte Musik, hervorgerufen von einem gewissen Gefühlszustand, in dem er sich befindet und sich in ihm zum Ausdruck drängt, anstelle gesprochener Worte. Die Figur des Protagonisten wollte in ihrer Jugend Opernsänger werden. Daraus ist wegen familiärer Zwänge nichts geworden. Die Musik in seinem Kopf hat aber nie aufgehört zu spielen.
Aber es gibt im Film keine unterschwellige Musik, um Gefühle zu manipulieren. Mich interessieren Gedanken, dazu kann man den Zuschauer nicht manipulieren, höchstens verführen. Natürlich ist Wagner auch manipulative Musik, aber ich habe versucht, sie inhaltlich zu verwenden. Über Kofelgschroa hab ich vor einigen Jahren mal einen Film gesehen, danach habe ich mit ihnen Kontakt aufgenommen. Ich glaub, es hat sich für den Film gelohnt.

 

Wir haben ja jetzt schon viel geredet. Fällt dir noch was ein?

Hoffentlich nicht.

 

Das Gespräch mit Josef Bierbichler führte sein langjähriger Freund und Musiker Andreas Lechner.

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